Das Geheimnis der Femeiche in Erle

In dem Dorf Erle steht die berühmte und sagenumwobene Femeiche. Mit ihren rund 1000 Jahren gehört sie zu den ältesten Eichen in Deutschland. Obwohl die Femeiche seit 250 Jahren völlig hohl ist und nur noch aus Rinde besteht, entfaltet sie jedes Jahr ihr Laub und trägt sogar Blüten und Früchte. Wie kann sie in diesem Zustand nur so lange überleben? Was ist ihr Geheimnis?

Eicheln am Baum

Ein kurzer Blick in die Geschichte der alten Eiche

Die Femeiche musste in ihrem langen Leben schon so einigen Unwettern und Schädlingen trotzen. Weltkriege hat sie miterlebt. Mehrere Generationen verschiedener Baumarten hat sie so zu sagen heranwachsen, stehen und wieder vergehen sehen. Ihre eigene Stieleichengenartion Quercus robur hat sie als Einzige schon lange überlebt. Im Heidentum weihte man sie dem Gotte Odin. Von da an diente ihr Standort als germanische Opferstätte und man nannte sie Ravenseiche.

Im Mittelalter wurde sie als Gerichtsbaum zum stillen Zeugen vieler Menschschicksale. Freie Grafen verhandelten unter ihr, nach dem Recht von Kaiser Karl dem Großen, Vergehen wie Mord, Raub oder Meineid und erklärten die Angeklagten für schuldig oder nicht schuldig. Bis zum Jahre 1589 wurden unter ihr Femegerichte abgehalten. Als ältester und bekanntester Gerichtsbaum in ganz Mitteleuropa, nannte man sie schließlich in Femeiche um.

Die dickste Eiche Deutschlands

Die Femeiche war einst ein sehr kräftiger und imposanter Baumveteran. Als ihr Stamm noch intakt war, kam sie wohl auf einen Stammumfang von stolzen 14 Metern und ist somit die dickste Eiche in ganz Deutschland. Der Umfang ist so mächtig, sodass man Tische und Stühle in ihr aufstellen kann. Besonders auffällig ist ihre starke Südwestneigung, mit der sie sich gegen den Wind lehnt. Vielleicht aber hat sie sich mit dieser Wuchsrichtung als junger Baum mehr Licht erkämpft.

Im 17. Jahrhundert stand sie vor dem Aus…

Doch der Zahn der Zeit ging nicht spurlos an der Femeiche vorbei. Irgendwann im 17. Jahrhundert, das weiß heute niemand mehr so genau, verlor die imposante Stieleiche ihre prächtige Hauptkrone. Innerhalb der nächsten 100 Jahre begann der einst so kräftige Baum morsch und hohl zu werden. Um das Jahr 1800 entfernte man schließlich das restliche morsche Holz. Seitdem ist die Femeiche innen völlig hohl und besteht nur noch aus Rinde. Das baldige Ende des Baumveteranen schien besiegelt, immerhin können nur die wenigsten Bäume in so einem Zustand überleben, wenn überhaupt. Aber es sollte alles ganz anders kommen.

200 Jahre später ist ihr Lebenswillen weiter ungebrochen

Heute ist die 11 Meter hohe Femeiche immer noch so vital und lebendig wie eh und je. Ihre zweite acht Meter breite Krone stützt sie auf Holzpfählen ab, die man ihr zur Unterstützung gab. Nur noch drei dünne Rindenschalen, die weit auseinanderklaffen, sind von dem ehemaligen Stamm übrig. Zwei Meter an Stammumfang hat sie mittlerweile auch verloren. Trotzdem steckt die gebrechliche alte Eiche jedes Jahr voller Lebenskraft, wenn sie austreibt. Doch wie kann das sein, obwohl sie nur noch aus dünnen Stammfragmenten besteht?

Die Femeiche hat das Kernholz verloren, aber…

Der Baumstamm ist aus mehreren Schichten mit unterschiedlichen Aufgaben aufgebaut. Die Femeiche hat „nur“ das Kernholz verloren. Das Kernholz besteht aus totem Zellgewebe und ist das älteste und härteste Holz, das sich im Kern des Stammes befindet. Es übernimmt die Stützfunktion des Baumes, ähnlich wie unser Knochengerüst. Die lebenswichtige Nährstoff- und Wasserversorgung erhält die Femeiche über die anderen Stammschichten, die sie noch besitzt.

…nicht die Rinde!

Die Rinde besteht aus zwei Schichten. Die erste ist die Borke und schützt vor Schädlingen und der Witterung. Die zweite Schicht ist der Bast. Innerhalb der Bastschicht werden Nährstoffe wie Zucker von den Blättern zu den anderen Teilen des Baumes transportiert.

Unter dem Bast liegt noch zusätzlich das dünne Kambium, das für das Wachstum des Stammes zuständig ist. Das Kambium spielt eine sehr wichtige Rolle, da es neues Holz bildet, das als Splintholz bezeichnet wird. In dem jungen Splintholz werden Wasser und Nährstoffe von den Wurzeln zu den Blättern geleitet.

Da Rinde und Kambium scheinbar immer noch intakt sind, blieb die Wasser- und Nährstoffversorgung der Femeiche offensichtlich erhalten. Seit 1892 übernehmen Holzpfähle die Aufgabe des ehemaligen Kernholzes und stützen die alte Eiche. So hat es die Femeiche, mit ihrem unermüdlichen Lebenswillen und mithilfe professioneller Baumpflege, doch noch in unser heutiges Jahrhundert geschafft.

Laubschädlinge trickst sie mit ihrer ganz eingenen Methode aus!

Eine Überlebenskünstlerin ist die Femeiche ohne Frage. Sogar den Eichenwickler, einen Laubschädling, trickst sie aus. Der Eichenwickler entwickelt sich parallel mit dem Blattaustrieb der Eichen. Daher verlegt die Femeiche ihren Termin zum Austreiben einfach, indem sie ihre Blätter als einzige im ganzen Umfeld zuerst entfaltet. Für den Eichenwickler ist das viel zu früh, sodass er bei der Femeiche gar keine Chance hat.

Ihr genaues Alter bleibt ein Geheimnis

In welchem Jahr diese außergewöhnliche Eiche aus einer Eichel gekeimt ist und ihre ersten Blätter in Richtung Frühjahrssonne gedreht hat, wird immer ein geheimnisvolles Kapitel ihrer Geschichte bleiben. Mit dem Kernholz sind auch alle Jahresringe verschwunden, mit denen man das genauere Alter hätte bestimmen können. Der Stammumfang und das allgemein typische Wuchsverhalten von Eichen lassen ein Alter von 600 – 850 Jahren vermuten.

Vielfach wird der Femeiche aber anhand von geschichtlichen Überlieferungen ein Alter von 1000 -1500 Jahren nachgesagt. Doch egal wie hoch das Alter der Stieleiche nun tatsächlich auch sein mag, so ist und bleibt sie ein wirklich beeindruckender Baum.

Bilder & mehr Infos zur Femeiche in Erle gibt´s hier:

Bilder von der Femeiche in Erle auf Wikipedia

Im 2.Teil der Artikelserie:

… erfährst Du, wie mehrere Äste zu einem starken Baum verschmelzen können und wieso sich in diesem besonderen Baum eine Statue befindet.

Zum 2.Teil der Artikelserie

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