Die 1000-jährige Tanzlinde von Effeltrich

Was sind Tanzlinden?

Im oberfränkischen Effeltrich schmückt eine 1000-jährige Tanzlinde den Dorfplatz gegenüber der Wehrkirche. Unter den zahlreichen Dorflinden zählt sie zu den schönsten in der Region. Doch was genau versteht man unter sogenannten Tanzlinden und in welcher Verbindung stehen diese besonderen Bäume zu den Menschen?

 

Aus dem Zusammenleben zwischen Baum und Mensch

Linde Darstellung von 1883

Linde Zeichnung von 1883

Jahrhunderte alte oder gar 1000-jährige Bäume faszinieren die Menschen auf der ganzen Welt. Einige von ihnen sind so alt, dass man sie schon fast als stille Zeugen der Menschheitsgeschichte bezeichnen könnte. Viele Baumveteranen wachsen in ihrer natürlichen Umgebung, z.B. im Wald oder an den unwirtlichsten Orten, fern ab von unserer Zivilisation. Doch mindestens genauso viele wachsen mitten in unseren Städten, Dörfern, Parks oder Höfen. Die Geschichte dieser Bäume steht daher meist in enger Verbindung mit den dort wohnenden Menschen, genau wie die der großen Tanzlinde von Effeltrich.

Dank guter Baumpflege: Mit 1000 Jahren noch topfit!

Die rund 1000 Jahre alte Sommerlinde ist einer der ältesten Linden in Deutschland und stützt ihre etwa 20 m weit ausladende Krone auf einem großen Balkengerüst mit Stützpfählen. Nur so kann sie die Last ihrer gut 90 cm dicken Äste tragen, denn ihr ca. 8 m breiter Stamm ist inzwischen völlig hohl.

Dennoch zeigt sich die hübsche Sommerlinde jedes Jahr gut belaubt und bringt jede Menge ihrer duftenden Blüten hervor. Dass sie in ihrem hohen Alter immer noch so fit ist, verdankt sie der guten Baumpflege, von der sie als Dorflinde stets profitiert. Dennoch ist das Leben als Straßenbaum nicht immer leicht.

Wurzelnetzwerk in 50 Meter Entfernung entdeckt

Die meist vollständige Oberflächenversieglung durch Asphalt macht es Straßenbäumen allerdings schwer, an das lebenswichtige Wasser heranzukommen. Auf der Suche nach Wasser streckt die Dorflinde von Effeltrich ihre Wurzeln daher sehr weit aus. Schließlich stießen größere Wurzelstränge von ihr auf einem 40 m weit entfernten Keller. Auch in einem Misthaufen fand man schon ihre Wurzeln. Sogar noch in 50 m Entfernung von dem Baum entdeckte man beim Graben eines Brunnens Lindenwurzeln.

Um der Linde die Wasseraufnahme zu erleichtern, wurde rund um den Baum ein Pflaster mit vielen Lücken verlegt, sodass mehr Regenwasser zu den Wurzeln durchdringt. Neben dem beachtlichen Wurzelsystem befindet sich im hohlen Stamm der Linde eine 10 cm dicke Adventivwurzel, die die gigantische Krone zusätzlich mit Nährstoffen versorgt.

Vom Verkehr gezeichnet

Auch der Verkehr hinterließ bei der Linde Spuren, als nach dem Zweiten Weltkrieg der Verkehr zunahm und eine Hauptstraße direkt am Baum vorbei führte. Die Linde verlor zwei ihrer starken Äste. Sie wurden im Jahr 1966 von zwei Kraftfahrzeugen abgebrochen. Erst später wurde die Straße verlegt, wodurch das Naturdenkmal seitdem wieder sicherer ist.

 

Vom Gerichtsbaum zur Tanzlinde

 

Stiller Zeuge vieler Menschenschicksale

Nach alten Überlieferungen wurden in den vergangenen Jahrhunderten unter der imposanten Linde Volks- und Gerichtsversammlungen abgehalten. Der Steinkranz, der die Dorflinde umgibt, könnte ein Überbleibsel aus dieser Zeit sein, da solche sogenannten Thingplätze mit Gerichtssteinen gekennzeichnet wurden.

Linde als Bastlieferant zur Obstbaumzucht

Der Name Effeltrich bedeutet so viel wie apfelreich. Für die Obstbaumzucht diente die Dorflinde bis etwa 1850 lange Zeit zur Bastgewinnung. Um Obstbäume zu veredeln, mussten die Pfropfstellen mithilfe von Bast, das von der Linde gewonnen wurde, angebunden und fixiert werden. Bei der Basternte schnitt man die jungen senkrechten Triebe der Linde ab. Die Spuren der Basternte sieht man der alten Linde noch heute an.

Denn um genügend Bast zu gewinnen, bog man viele der aufstrebenden Zweige um und fixierte sie. Diese wuchsen zu starken waagrechten Ästen heran und produzierten weitere senkrechte Triebe, die man zur Bastgewinnung ernten konnte. Durch die geleiteten Äste entstand nach und nach ihre weitgespannte Kuppelkrone. Neben der Bastgewinnung diente der uralte Baum lange Zeit als Tanzlinde für gesellschaftliche Treffen.

Feste und Mondscheinnächte unter der Tanzlinde

Früher waren Tanzlinden in einigen Regionen der Mittelpunkt von dörflichen Festen und Bräuchen. Dabei handelte es sich um geleitete Linden, unter denen getanzt wurde. Die meisten Tanzlinden trugen in ihren Baumkronen Podeste, auf denen die Tänze und Feste stattfanden. Daher der Name Tanzlinde. Die 1000-jährige Tanzlinde von Effeltrich besitzt zwar kein Podest, dennoch wurden unter ihr im 19. Jahrhundert viele Feste und Mondscheinnächte mit Musik und Gesang gefeiert.

Lindenblätter

Bürger aus der ganzen Umgebung kamen vorbei, um das gesellschaftliche Miteinander zu genießen. Auch Prinz Ludwig, der spätere König von Bayern, kam am 12. Juni 1912 nach Effeltrich. Zu seinen Ehren wurde ein großes Fest unter der schönen Dorflinde gefeiert.Tanzlinden waren damals so beliebt, dass Heinrich Heine ihnen in seinem Gedicht „Mondscheintrunkne Lindenblüten“ sogar folgende Zeilen widmete:

 

“Mondscheintrunkne Lindenblüten,

Sie ergießen ihre Düfte,

Und von Nachtigallenliedern

Sind erfüllet Laub und Lüfte.

 

Lieblich läßt es sich, Geliebter,

Unter dieser Linde sitzen,

Wenn die goldnen Mondeslichter

Durch des Baumes Blätter blitzen.

 

Sieh dies Lindenblatt! Du wirst es

Wie ein Herz gestaltet finden;

Darum sitzen die Verliebten

Auch am liebsten unter Linden.“

 

Noch bis zum Jahre 1950 trafen sich Leute an Tischen und Bänken unter der hübschen Dorflinde in Effeltrich und wurden vom benachbarten Gasthof bewirtet. In der heutigen Zeit sind Tanzlinden leider eher selten geworden. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet das festliche Treiben, wie bei den meisten Tanzlinden, langsam in Vergessenheit.

Die ehrwürdige 1000-jährige Tanzlinde in Effeltrich erfreut sich jedoch nach wie vor größter Beliebtheit, sodass man ihr sogar eine eigene Facebookseite gewidmet hat. https://de-de.facebook.com/Linde.Effeltrich/

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